Veröffentlicht am: 2. Juli 2021909 Wörter4.5 min Lesezeit

Das Glück der Ziele

Kommt dir das bekannt vor?

Du steuerst auf ein Ziel zu! Voller Anstrengung!

Du fieberst dem Ziel entgegen und tust alles dafür. Ja, wenn ich das geschafft habe, wenn ich das erledigt habe, dann bin ich erlöst. Sicher geht es mir dann besser, ich werde danach glücklich sein. Nachher ist alles leichter. Endlich kann ich mein Leben genießen. Des Weiteren bin ich meine Sorgen los.

Das können verschiedene Ziele sein, privat oder beruflich, klein oder groß. Die eine oder andere Ausbildung, der neue Job, die Beförderung oder die Gehaltserhöhung, die wir so herbeisehnen. Das neue Auto, die neue Schlafzimmer oder Wohnzimmer Einrichtung. Die neue Küche oder vielleicht gleich eine neue Wohnung oder jetzt doch ein Haus. Das Wochenende, der heißersehnte Urlaub, endlich wieder verreisen können. Das Treffen mit einer bestimmten Person. Ein Ziel hat viele Farben und Schattierungen. Voller Hingabe steuern wir unser Ziel an.

Doch dann passiert es manchmal ganz anders

So erging es mehr, als ich auf dem Jakobsweg war und nach ca. 268km zu Fuß die Kathedrale in Santiago de Compostela erreicht habe. Das große Endziel!

Glücksgefühle, überwältigt? Nein! Ehrlicherweise ich war total überfordert!

Die letzte Etappe mit 25km liegen vor mir. Das Tempo ist gut, die Vorfreude groß, doch es geht ziemlich auf und ab, die Hitze ist bald zu spüren, es soll 35C° bekommen. Fast alle 200-300m sind Kilometersteine, das spornt an.

In Santiago selbst wird es hart für mich, es geht bergauf, mein Tempo wird langsamer. Dann immer mehr Leute, die engen Gassen wunderbar, ich sehe in der Ferne die Kathedrale. Das Ziel zum Greifen nah. Noch ein paar Meter und Ja plötzlich stehe ich auf dem Platz vor der Kathedrale! Wow geschafft. Juhu, Foto machen, doch es ist laut, es wimmelt nur so von Leuten. Ich bin mehr als überfordert! Irgendwie habe ich mir das anders vorgestellt. Wo ist das Glücksgefühl?

Wir müssen zum Pilgerbüro!

In der Gasse sind noch mehr Leute. Es wurlt richtig. Wie war das mit der Abstandregel?

Ich muss mich registrieren! Wie, was? Wo soll ich das jetzt machen? Es gibt keine Wartenummern mehr! Keine Compostela! Vielleicht gibt es um 17h wieder neue Nummern! Großer Tumult. „Wir hätten doch schneller gehen sollen.““ Nein, denn der Jakobsweg ist kein Marathon.“

Doch mir ist das alles zu viel! Ich bekomme eine WhatsApp Nachricht von meiner Tochter Nadine, sie gratuliert mir, doch ich empfinde nichts. Ich gehe um die Ecke, raus aus dem Tumult und rufe sie an. Ja und dann fließen die Tränen, weil die Erwartung des Ankommens zu hoch war! Mein mir selbst aufgebaute Druck darf sich lösen. ❤️ Nadine erinnert mich: Der Weg ist das Ziel!

Ich verabschiede mich von den anderen und der Urkunde und gehe auf den Vorplatz der Kathedrale zurück!

Ich lege mich auf den Platz vor die Kirche,

einfach Füße ausstrecken und erde mich. Ich lasse diese mächtige Kathedrale auf mich wirken 😇🥰.

Und dann kehrt Ruhe ein, ich spüre so eine angenehme Ruhe und Zufriedenheit in mir und realisiere: 268km mit 7kg Rucksack auf dem Rücken allein unterwegs gewesen! Und all meine Erinnerungen, meine Überraschungen, meine Erkenntnisse, meine Geschenke, meine Begegnungen, die mir der Weg beschert hat, laufen wie in einem inneren Film vor mir ab. So wunderbar, wieviel ich erlebt habe.

Ich beobachte die anderen, die Freude, den Stolz, die Fotoshootings, auch das Geschrei und es fühlt sich plötzlich wunderbar an!

Denn am Weg, passiert so viel!

Der Weg zu unseren Zielen ist zum Genießen da.

Doch die Realität schaut meist anders aus: Wir laufen, hetzen, kommen außer Atem und schuften. Wir hecheln dem Ziel hinterher, sind die meiste Zeit in der Zukunft und erwarten das große Los. Hin fiebern, alles geben, Nerven aufreiben, vor Anspannung nicht mehr zur Ruhe kommen. Dann ist eins auf jeden Fall sicher: Du lebst in der Zukunft!

Wie wäre es, wenn du dein Ziel lachend annimmst und dich jede Sekunde auf das Ziel freust. Das Schöne jetzt und rund um dich siehst. Genau jetzt im Augenblick. Du konzentrierst dich immer und immer wieder auf den Moment.

Du hast dein Ziel im Blickfeld.

Doch das Ziel soll dir deinen Blick nicht verstellen und es soll dir nicht im Wege stehen zu leben. Denn am Weg dorthin, gibt es auch so viel zum Erleben. Viele Glücksmomente. Gerade am Weg zeigt sich das Leben in seinen besten Farben. Vielleicht braucht es manchmal zwei Blicke.

Jede Erfahrung, die du machst, hat seinen Wert. Probiere es aus, jede einzelne Sekunde zu spüren, zu erleben, wahrzunehmen und in sich aufzunehmen. In dir zu speichern und darüber glücklich zu sein. Ja eben, jeden Tag deines Lebens. Die Erwartung auf das Erreichen deines Ziels schraubst du damit etwas herunter.

Ziele haben den Vorteil, dass sie uns Orientierung geben und auch Motivation, doch sie sollten nicht dein Leben beherrschen. Denn noch wichtiger ist es, das rundherum zu leben. Schon vorher die Glücksmomente sammeln und damit vollkommen in der Gegenwart sein. Sein Leben spüren und die Fülle, die dich jetzt schon umgibt wahrzunehmen und sich darüber erfreuen. Hier und im Jetzt.

Ich wünsche dir magische, eindrucksvolle Wegetappen im hier und jetzt auf deinem Lebensweg.

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  1. Susi 5. Juli 2021 at 14:04 - Reply

    Liebe Nina,

    wie wahr!!!! Danke für das Teilen dieses Wegabschnittes. 🙂

    Alles Liebe
    Susi

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