Veröffentlicht am: 14. Mai 20211272 Wörter6.4 min Lesezeit

Wie sieht deine Wut aus?

Wäre deine Wut eine Person, wie würde sie ausschauen? Wie würde deine Wut ausschauen, wenn sie dich packt?  Wäre ihr Körperbau klein oder groß? Wäre ihre Art aufbrausend und gleich wieder weg wie eine Windböe? Oder doch ausdauernd, kräftig und lange bleibend wie ein starker Sturm? Vielleicht sogar hinterlistig, immer da wenn du sie nicht brauchst?

Oder deine Angst, wie würdest du sie beschreiben? Stell sie dir einmal bildlich vor. Wäre sie groß oder klein, dick, mächtig und muskulös oder dünn, hager und schlaksig? Welche Haarfarbe hätte sie, schwarz wie die Nacht oder hell wie die Sonne? Sportlich, elegant, schlampig, oder draufgängerisch? Schreit sie laut oder wispert sie mit furcht einflößender, drohender Stimme?

Stell dir vor, deine Emotion ist ein Gast. Sie kommt nur kurz zu Besuch mit kleinem Köfferchen, praktisch auf der Durchreise, will sich zeigen und reist dann wieder ab. Deine Emotionen entstehen durch einen äußeren Reiz, einen äußeren Auslöser. Das bedeutet, du weißt nicht, wann oder welche Emotion zu Besuch kommt. Deine Gefühle sind dann Reaktionen des Körpers, um Situationen zu verarbeiten, du kannst sie jedoch durch deine Gedanken steuern. Somit haben Gefühle mehrere Möglichkeiten, um bei dir vorbeizuschauen. Sie kommen mit Handgepäck oder einem 15kg Koffer für einen 2 Wochen Besuch. Sie können jedoch auch für einen Langzeitaufenthalt von mindestens 4 Wochen ausgerüstet sein.

Hast du Übergepäck?

Bedenklich wird es, wenn sich ein Gefühl bei dir für lange einquartieren will. Es kommt dann mit Übergepäck, hat die halbe Wohnung mit, weil es bei dir bleiben will, weil es so schön gemütlich bei dir ist, weil du so an ihm festhältst.

Inspiriert zu dieser Vorstellung hat mich der Film „Alles steht Kopf“ von Pixar. Wenn du den Film noch nicht kennst, schaue ihn dir unbedingt an. Ich kann dir den Film wirklich ans Herz legen, du solltest ihn gesehen haben. Die Hauptfigur das Mädchen Riley wird durch ihren Umzug aus ihrer gewohnten Umgebung, aus ihrem Freundeskreis, aus ihrem Sportverein gerissen, alles ist neu. Sie verliert sich total in der neuen Situation. Nichts passt mehr, nichts funktioniert mehr. Da gibt es Parallelen zu unserer jetzigen Zeit: Alles ist neu, alles ist anders. Nichts ist mehr so, wie du es gewöhnt bist.

Gleichgültigkeit breitet sich aus

Das Schlimmste was passieren kann tritt ein. Riley spürt sich selbst nicht mehr. Es ist eine große Herausforderung für sie, wieder zu sich zu finden. Das Besondere an dem Film ist, dass die Emotionen wie Freude, Kummer, Angst, Ekel und Wut, also unsere Hauptemotionen als Figuren vorkommen.

Spielerisch und lustig wird uns ein Spiegel hingehalten, wie unsere Emotionen reagieren und interagieren. Das hat mich begeistert. Denn wenn du deinen Emotionen ein Aussehen gibst, vielleicht auch einen Namen, kannst du ganz anders mit ihnen umgehen. Du kannst sie leichter annehmen und auch wieder vorbeiziehen lassen. „Hallo“ sagen, wie wenn du kurz Besuch bekommst für einen Café oder eben ein Getränk und dann wieder „Tschüs“ sagen. Denn lange Besuche mit Übergepäck entspringen nur mehr deinen Gedanken und sind für dich kontraproduktiv.

Gib deinen Emotionen Platz

Es ist wirklich wichtig auch mal zu artikulieren, dass du etwas total furchtbar findest. Dass es dir jetzt zu viel ist. Denn wenn du deine Emotionen unterdrückst, wenn du deinem Gast bildlich gesehen die Türe vor der Nase  zumachst, klopft er noch stärker an die Türe. Vielleicht nicht gleich, doch immer wieder, denn er möchte gesehen werden. Er möchte Aufmerksamkeit.

Die Türe zu öffnen, ist eine Möglichkeit, Platz zu machen und in dich zu spüren. Also gestehe es dir zu, erlaube es dir, fühle bewusst, welche Emotion kommt gerade zu Gast, was möchte Raum haben, welche Nachricht wird an dich gesendet? Was möchte jetzt gesagt werden, was möchte Raum bekommen, was ist dir wichtig? Was ist jetzt für dich wichtig?

Wenn die Wut anklopft

Wenn die Wut die Steuerung an sich reißt, ist es auch gut. Manchmal braucht es das. Gestehe dir die spontane Gefühlsreaktion zu, erlaube sie dir. Lass zu, was immer du fühlst, lass Luft raus, ohne deine Mitmenschen zu verletzen. Schau dir deine Wut an, nimm sie an, sie ist ein Teil von dir.  Wie schaut sie aus, wie ein kleines Rumpelstilzchen oder doch wie ein Orkan? Ich persönlich wollte meine Wut immer weghaben. Weil ich es noch so gespeichert hatte: Wütend sein gehört sich für ein braves Mädchen nicht! OK, ich bin jetzt kein Mädchen mehr, doch es war sehr lange gespeichert, dass es unartig ist, wütend zu sein. Mittlerweile weiß ich, besser als artig ist es, großartig zu sein. Und das bist du, du bist großartig!

Triff dich mit deiner Angst

Sag, dass du Angst hast, gestehe es dir ein und sprich es aus. Welche Emotion auch immer, bei dir anklopft, lass sie herein. Wenn du sie weghaben willst, besteht vielleicht die Möglichkeit, dass du den Auslösern ausweichen möchtest. Doch das ist auf Dauer eine sehr schlechte Lösung. Frag deine Angst woher sie kommt. Was ist ihr Auslöser? Warum klopft sie bei dir an? Was steckt dahinter?

Öffne dich für Kummer

Lass Tränen fließen, wenn dir danach ist. Wenn du traurig bist, wenn etwas momentan nicht so ist, wie du es geplant hast, sprich es aus. Oft kann es danach besser werden, weil es raus ist.

Wenn du dir Platz und Raum zum Spüren gibst, dann erst bist du in der Lage, weiterzugehen. Du hast die Kraft deinen Gefühlsraum wieder zu verlassen. So wird es uns auch im Film gezeigt, die Hauptfigur Riley kann erst wieder Freude empfinden, als sie ihren ganzen Kummer rausgelassen hat. Als sie ihre Tränen fließen hat lassen, ohne daran festzuhalten, ohne in Trauer zu versinken. Sie hat ihren Kummer ausströmen lassen, sie hat ihm Platz und Raum gegeben. Dann war wieder Zeit und Raum für Freude.

Lass dein Übergepäck stehen

Wenn dein Gepäck am Flughafen viel Übergewicht hast, dann wirst du zur Kasse gebeten und das ist meistens sehr teuer. Wenn deine negativen Gefühle mit viel Gepäck kommen, ausgerichtet auf einen Langzeitaufenthalt, dann zahlt deine Lebensqualität einen hohen Preis. Also sag ihnen nur kurz „Hallo“ und lass sie weiterziehen. Eine gute Möglichkeit ihnen auf charmante Weise „Tschüs“ zu sagen ist zu lachen, zu tanzen, zu singen, in die Natur zu gehen oder Sport zu machen, einfach in Bewegung zu kommen. Ein Telefonat mit einem lieben Menschen, sich selbst etwas schmackhaftes kochen. Auch Musik zu hören und/oder zu meditieren sind wunderbare Möglichkeiten, um Ballast los zu werden. Stell dir vor du, du lässt jetzt dein Übergepäck einfach stehen und gehst beschwingt deines Weges, denn das Leben ist wunderbar.

Auch wenn wir noch immer viele Einschränkungen haben, mach dir Platz für heitere Stunden. Schaffe sie dir. Kreiere sie dir. Mach die Leinwand deines Lebens bunt! Denn graue Leinwände gibt es schon genug. Hole das Beste aus jeder Situation! Du kannst das.

PS: Wenn du jedoch merkst, deine Angst oder dein Kummer sind Dauergäste, dann hole dir bitte professionelle Hilfe. Diese Zeit ist herausfordernd und Hilfe anzunehmen ist gerade jetzt wichtig. Du brauchst nicht alles alleine bewältigen.

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  1. Anna Muttenthaler 14. Mai 2021 at 19:13 - Reply

    Schöne Beschreibung
    manchmal fühlt sich meine Wut sehr ähnlich an , wie ein Orkan

    Danke dir

  2. Nina Fuchs 15. Mai 2021 at 09:56 - Reply

    Ein Orkan hat auch sehr viel Kraft. 🙂 Wir können diese Kraft, gezielt eingesetzt auch sehr gut nutzen. Alles Liebe Nina

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