Veröffentlicht am: 13. März 20211190 Wörter6 min Lesezeit

Lachen in der Krise – ein Rückblick

„Und richten Sie Ihrer Chefin aus, sie soll gefälligst den Anrufbeantworter ändern! Wie kann man in dieser Zeit aufgefordert werden zu lachen! Das ist eine Zumutung!“

Das durfte sich meine Mitarbeiterin von einer vor Angst erzürnten Kundin am Telefon anhören. Es war Woche 3 des Corona-Lockdowns im Frühjahr 2020 und nicht das erste Mal, dass wir uns in dieser Zeit vorhalten lassen mussten, dass wir in der Krise lachen. Doch wir ließen uns von solchen Meldungen nicht mehr einschüchtern und wünschten unseren Kunden und Kundinnen ein paar Lachmomente, eben auch in der Krise.  Zu Beginn des Lockdowns war auch uns ehrlicherweise das Lachen vergangen, doch es zeigte sich uns gerade da wie lebensnotwendig Lachen wirklich ist.

Freitag der 13.

Zurück zum Beginn: es war Freitag, der 13.März 2020 – welch ein Datum, als ich um 8.30 Uhr zur Apotheke kam und merkte: Heute ist etwas anders. Ich selbst hatte zu diesem Zeitpunkt noch nicht realisiert, dass uns jetzt wirklich ein Lockdown bevorstand. Vor unserer Apotheke war eine Warteschlange, das hatte ich so noch nie erlebt. Als ich vorbeigehen wollte, wurde ich von einem jungen Mann aggressiv angehalten, mich gefälligst hinten anzustellen. Er war im Begriff, mich an der Jacke festzuhalten, als ich ihm lächelnd entgegnete, dass ich hier arbeitete. Er entschuldigte sich verlegen, doch mir war sofort klar: Da liegt was in der Luft, die Corona-Dramatik spitzt sich zu. Dieses Gefühl bestätigte sich auch gleich in der Apotheke, denn geballte Angst, Unsicherheit und Aggressivität schlugen mir entgegen. Wir waren jetzt alle in einer Situation, die wir nicht kannten. Unser Bedürfnis nach Sicherheit fühlte sich zutiefst bedroht an.

Um die Sicherheit meines Teams zu gewährleisten, wurde noch am Wochenende die ganze Verkaufsfront mit Plexiglas geschützt. Ich hatte Hilfe von meinem Team und dem Mann einer Mitarbeiterin, denn zu diesem Zeitpunkt waren noch keine fertigen Lösungen von Plexiglasschutzverkleidungen auf dem Markt. Die erst im Dezember neu gemachten, vom Tischler liebevoll an die alte Apothekeneinrichtung angepassten Holzregale auf unserem Verkaufstisch wurden angebohrt. Mir blutete das Herz. Wir schnitten Löcher zur Bedienung der Bankomatkassen und zum Durchreichen der Ware aus. Ich fühlte mich in meine Anfangszeit als Apothekerin zurückversetzt, damals war zwischen den Kunden und den Apothekern auch eine Barriere aufgebaut und nur eine kleine Öffnung vorhanden. Im Laufe der Zeit hatten sich diese Absperrungen verabschiedet, um mit der Kundschaft freier kommunizieren und ihre Anliegen besser behandeln zu können.

Jetzt waren wir wieder zurückgeworfen worden.

Keinen näheren Kontakt mit den Kunden zu haben, war ein komisches Gefühl. Ist doch die Begegnung mit den Menschen ohne Distanz ein wesentlicher Bestandteil einer positiven Beratung. Obwohl uns bei dieser Isolierung und dem Aufbau der Schutzmaßnahmen bewusst war, wie bedenklich die Situation ist, scherzten und lachten wir, da wir uns mit MacGyver verglichen. Der Held aus der gleichnamigen Fernsehserie war ein Technik-Genie, das sich aus jeder brenzligen Situation mit wenigen Hilfsmitteln retten konnte. So hofften wir damals noch, uns auch aus dieser beunruhigenden Situation schnell wieder retten zu können.

In der ersten Woche des Lockdowns wussten wir selbst nicht, wie wir mit dieser Situation umgehen und das alles bewältigen sollten. Die Apotheke als systemrelevante Einrichtung war ja verpflichtet offenzuhalten. Es herrschte eine Ausnahmesituation, die auf allen Ebenen spürbar war. In den ersten Tagen konnten wir den Kundenansturm fast nicht bewältigen, da die Leute wie panisch einkauften, weil sie einerseits vor Medikamentenengpässen Angst hatten und andererseits wegen der empfohlenen Hygienemaßnahmen Desinfektionsmittel und Einmalhandschuhe brauchten. Unser Einkaufspreis für Einmalhandschuhe stieg binnen einer Woche auf das Dreifache. Rohstoffe wie Alkohol oder Glycerin wurden plötzlich Mangelware. Wir selbst kämpften auf allen Seiten mit neuen herausfordernden Gegebenheiten. Die vielfältigen Ängste unserer Kunden, die Ratlosigkeit, wie mit dieser Situation umzugehen war, die Verzweiflung, nicht zu wissen, was morgen sein würde, bei manchen auch die Wut, eingesperrt zu sein, auch wenn es zur Sicherheit aller war, erschwerte zusätzlich unsere Arbeit.

Die Lach Apotheke verliert ihr Lachen

Durch dieses Emotions-Potpourri, das uns entgegenschwappte, und die viele Arbeit verloren auch wir in der Lach Apotheke kurzzeitig das Lachen. Es war keine Zeit dafür beziehungsweise vergaßen wir, uns die Zeit zu nehmen. Nach dieser anfänglichen Starre traf ich mit meinem Team die Abmachung: Jetzt lachen wir erst recht. Ab diesem Entschluss achteten wir sehr darauf, täglich unsere Lachübungen zu machen. Dies wurde durch die Abstandsregeln, den Sicherheitsabstand, erschwert, doch wir arrangierten uns sehr gut, änderten die Übungen und erfanden einige neue. Es half uns schon weiter, dass wir einander lachen hörten. Ich nahm auf Facebook Lach-Videos auf, um die Botschaft des Lachens nach außen zu tragen. Wir merkten, wie viele Kunden sehr dankbar waren, wenn sie von uns auch in dieser angstvollen, unsicheren Situation ein Lachen geschenkt bekamen. Auf unser Lachen, auf das Lachen der Lach Apotheke, war Verlass. Doch wie heißt es so schön: „Allen Menschen recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann!”

Auch Kritik kann unser Lachen nicht stoppen

Wir wurden von Manchen regelrecht angefeindet, wie wir denn jetzt lachen könnten. Da war die besagte Episode mit dem Anrufbeantworter. Kurz war ich damals sprachlos gewesen, weil ich es nicht verstanden hatte. Doch mir wurde auch immer klarer, dass manche Leute die Botschaft, auch in der Krise den Kopf nicht hängenzulassen, nicht verstanden. Ich wurde von einer Kundin gefragt, ob denn auch mir nun endlich das Lachen vergangen sei. Ich musste die Frage zuerst einmal verdauen, dann lächelte ich sie an und verneinte: Nein, gerade jetzt in der Krise hilft mir das Lachen weiter, die Zuversicht nicht zu verlieren!“ Meine Kollegin wurde beschimpft, weil sie einem Kunden einen lachenden Tag gewünscht hatte: „Was soll der Blödsinn, in diesen Tagen gibt es doch wirklich nichts zum Lachen!“ Die Leute hatten Angst und aus dieser Angst heraus konnten sie mit dem Phänomen Lachen nicht umgehen.

Lachen gibt uns Kraft

Wir ließen uns trotzdem nicht mehr aufhalten und lachten weiter, weil wir merkten, mehr denn je, wie das Lachen uns selbst Kraft gab. Es war für uns ein Ventil und zusätzlich erzeugte es einen Schutzmantel, der uns absicherte, nicht in diesen Angst-Strudel hineingezogen zu werden. Wir erfreuten uns an den Kunden, die auch uns ein Lachen zurück schenkten und uns darin bestärkten, weiterzulachen. Es kristallisierte sich eindeutig heraus, dass viele Leute lachen nur mit „lustig sein“ verknüpfen. Sich über eine Situation lustig zu machen, wäre auch eine Art der Konfliktbewältigung. Doch die besondere Essenz des Lachens, die uns so stärkt, dass wir auch in der Krise unsere Lebenslust und unseren Mut nicht verlieren, ist für viele nicht offensichtlich. Doch das ist unsere Botschaft – Lache trotzdem!

Und auch nach einem Jahr und glaube mir auch meine Mitarbeiter und ich sind durch einige Krisen gegangen lade ich dich weiter ein: Behalte dir dein Lachen! Es ist gesund und stärkt Körper und Seele!

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